Mein Tierheimhund

Die Spyke-Story

Wie alles begann

Nach reiflicher Überlegung habe ich mich eines Tages doch dazu entschieden, mir einen zweiten Hund ins Haus zu holen. Anuba, meine Ersthündin, war der eigentliche Auslöser dafür. Sie sollte zusätzlich einen 4Beiner als Partner haben, also sollte es ein Rüde werden. Ist es doch mit einem "Pärchen" am schönsten, wenn alles reibungslos und harmonisch verläuft. Da ich mich aber nicht mit "irgendeinem" Hund zufrieden geben wollte, sondern damit auch gleich eine gute Tat vollbringen wollte, habe ich mich entschlossen einen Tierheimhund zu adoptieren. Geplant war ein gut sozialisierter Hund, der mit Hündinnen im Allgemeinen gut verträglich ist und auch sonst "relativ gut" mit vielen verschiedenen Umweltreizen klarkommt. Doch es kam ganz anders. Eines Tages im Supermarkt entdeckte ich einen Flyer mit einem Foto von Spyke, einem "schwierigen" Hund der im Tierheim auf einen neuen Paten wartete. Bedingungen waren, sich einige Monate intensiv mit dem Hund zu beschäftigen und ihn zu trainieren bevor er aus seiner Haft entlassen werden konnte. Ich nahm sofort Kontakt mit seinen bisherigen Paten-Eltern auf, um Näheres über ihn in Erfahrung zu bringen. Soweit seine Vorgeschichte bekannt war bekam ich so einige Schauergeschichten erzählt. Er sei absolut unverträglich mit anderen Hunden, da er drei Jahre seines Lebens isoliert hinter Gitter verbringen musste. Er brachte aufgrund seiner Vergangenheit (angeblich wurde er seelisch und körperlich schwer misshandelt) einiges an psychischen und physischen Schäden in eine neue Mensch-Hunde-Beziehung mit. Es sei somit nicht sicher, ob er sich überhaupt wieder in die Gesellschaft integrieren lassen würde. Er litt extrem unter dem Stress den er durch die Art und Weise der im Tierheim möglichen Haltung ständig ausgesetzt war. Er hat dadurch eigene Bewältigungsstrategien entwickelt, die ihm das Leben in einer Einzelzelle ermöglichten. Er wurde insgesamt schon drei Mal vermittelt, kam jedoch immer wieder zurück, da die neuen "Besitzer" nicht mit ihm zurechtkamen. Dieses ewige Hin und Her hatte ihm zusätzlich geschadet und er war sehr misstrauisch anderen Personen gegenüber. Es würde ihm schwer fallen Vertrauen aufzubauen und eine Zusammenarbeit würde sich dadurch sehr schwierig gestalten. Na Bravo! Diese Kontaktanzeige deckte sich doch vollkommen mit meiner Vorstellung eines Zweithundes. Doch wer jetzt glaubt, ich wäre einen Zwinger weiter gegangen und hätte mich für die "einfachere" Variante entschieden, der irrt sich! Irgendeine Stimme in mir sagte zu mir, dass es ausgerechnet dieser Hund sein muss. Dieser und kein anderer. Meine Wahl fiel auf Spyke, einen silbergrauen American Staffordshire Terrier. Verunsichert, hyperaktiv, sehr leicht reizbar, aggressiv anderen Hunden gegenüber, misstrauisch, ja sogar ein bisschen unheimlich und wenig interessiert mit einem Menschen zu kooperieren. Die vorherigen Paten haben zwar schon einiges an Arbeit geleistet, aber die Zeit und Erfahrung reichte vermutlich nicht aus um ihn vollständig umzuerziehen. Da saß er nun im Zwinger mit der Nummer D13 (D-Stall) im Wiener Tierschutzhaus.

Zu groß war scheinbar der Schmerz, verstoßen und verlassen, von seiner ehemaligen Familie aufgegeben und sich selbst überlassen. Ich war ihm nicht geheuer. Er beobachtete jede Annäherung von mir in Richtung seines Zwingers und machte mir unmissverständlich klar, dass wir "noch" keine Freunde sind. Doch da war was, irgendwas! Ein Gefühl der Verbundenheit. Ich wusste, er war ein geschändeter Hund und er braucht meine Hilfe. Heute bin ich davon überzeugt, dass es die beste Entscheidung meines Lebens war.

Der erste Kontakt verlief folgendermaßen. Begleitet von seiner Pflegerin "Gitti" ging es hinaus ins Freie, auf die Hundewiese und anschließend auf die Spielplätze am Gelände des Wiener Tierschutzhauses. Komplett uninteressiert an mir, wurde ich quer über das Areal gezogen, es gab nur ein Ziel: Auspowern, Auspowern, Auspowern. Logisch, oder? Wenn man die meiste Zeit seines Tages in einem Betonbunker verbringt und sich fürchterlich langweilt. Auf der Hundewiese der reinste Spießrutenlauf, da ein freilaufender Hund, dort ein Radfahrer, Leute die laut reden und mit Hand und Fuß gestikulieren und hinten dran an der Leine, ich. Völlig unbeeindruckt von seinem lästigen Anhängsel ging es kreuz und quer über die Hügel des Kellerberges. Ständiges markieren, Leine ziehen, lautstarkes Gebell und die ungebändigte Lust die anderen Hunde auf "seine Art und Weise" zu begrüßen stand auf der Tagesordnung. Nun gut, mittlerweile kam der Gedanke, dass die ganze Angelegenheit ein bisschen von meiner geplanten Neuanschaffung abdriftet, aber jetzt schon das Handtuch werfen? Nein, mit Sicherheit nicht, wir haben ja noch den Freilauf am Spielplatz, dort wird alles besser. Nun ja, Einbildung ist ja bekanntlich auch eine Bildung. Sichtlich mehr von den Autoreifen angetan als von mir, ging es dann am Spielplatz so richtig los. An der Plastikwanne wurde gerüttelt und geschüttelt, die Wassereimer wurden umgeworfen und durch die Gegend getragen. Jeder Hund der nur annähernd in die Nähe des eingezäunten Platzes kam, wurde mit richtigem Machogebell vertrieben. Seiner Pflegerin war es sichtlich peinlich, mir diesen Hund sowie dem von ihm veranstalteten Zirkus vorzuführen und es ging wieder zurück in den Zwinger. Mit den Worten, "Ich denke nicht, dass Du wiederkommst, oder?", verabschiedeten wir uns und ich musste mich noch einmal zu ihm umdrehen. Als ich ihm in die Augen blickte, wusste ich, er braucht meine Hilfe und ohne diese gibt es für ihn wohl keine Aussicht mehr auf eine Familienintegration. Als Hundetrainer sehe ich mich automatisch berufen zu helfen wo es notwendig ist, aber "er" war definitiv ein Härtefall. Ok, wie auch immer, mein Herz zeigte mir den Weg und ich entschied mich für eine Patenschaft mit Übernahme. Anuba wusste bis dahin noch nichts von Ihrem Glück, die Zusammenführung der beiden sollte erst nach einigen Wochen des Trainings über die Bühne gehen.

Ab sofort hatte ich also ein neues Ziel und gleichzeitig eine Lebensaufgabe. Ich musste diesen Hund resozialisieren, sonst ist eine Aufnahme in meinem zu Hause nicht möglich. Meine Freizeitgestaltung hat sich also ab sofort ein klein wenig verändert, von den täglichen Besuchen im Tierheim mal abgesehen, musste ich den Spagat zwischen privatem Zusammenleben mit Anuba und der neuen Herausforderung Spyke irgendwie bewerkstelligen und auch in die Tat umsetzen. Klingt schwierig, war es auch. Aber es wäre nicht ich gewesen, wenn ich den einfachen Weg im Leben gegangen wäre und mir nur die Rosinen aus dem Kuchen heraus gepickt hätte. Anuba und ich hatten also ein neues gemeinsames Ziel. Spyke, den schon längst verloren geglaubten Tierheimhund wieder in das Leben außerhalb der Gefängnismauern zu integrieren. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an meine Hündin, ohne sie und ihrem erfahrenen und sozialen Wesen, wäre dies mit Sicherheit unmöglich gewesen. Wir schritten also zur Tat. Bindungsarbeit, Sozialisierung und die Gewöhnung an Umweltreize standen nun auf meinem Terminkalender. Voller Energie und fest von der "reinen" Seele meines neuen Patenhundes überzeugt arbeiteten wir Tag und Nacht an seiner Erziehung. Woche zu Woche steigerte sich unsere Beziehung zueinander. Die ersten Annäherungen, das erste "beschnuppern" fand unter ständiger Wahrung der Individualdistanz statt. Er hatte ja nicht viel in seiner Zelle, außer einem alten, zerstörten Couchsessel, der in all den Jahren sein einziger Rückzugsplatz war. Ich überließ ihm den Fortschritt unserer Beziehung und freute mich über jeden noch so kleinen Erfolg. Oft verbrachte ich einige Stunden einfach nur damit, anwesend zu sein und mit ihm seine Zelle zu teilen. So begann unser Training und es war einiges an Bindungsarbeit zu leisten, bevor es überhaupt raus in die große weite Welt ging. Schließlich braucht es viel Zeit und Geduld einem Hund, der von Menschen enttäuscht und vernachlässigt wurde, wieder zu beweisen, dass man ihm nichts Schlechtes möchte. Aber er fasste Vertrauen. Dies ging soweit, dass er voller Freude in seinem Zwinger auf und ab sprang, als er nur meine Stimme hörte.

Der erste bewusste Körperkontakt fand statt, ein unglaubliches Erlebnis. Er suchte meine Nähe und war sichtlich entspannter wenn wir zusammen waren. Wir machten unglaubliche Fortschritte und es dauerte nicht lange und ich spürte, wie ich zu seinem neuen "besten Freund" wurde. Der Retter in der Not, sein Schutzengel und der einzige Mensch der an ihn glaubte. Er hatte wieder eine Aufgabe, eine Motivation endlich zeigen zu können, welches unglaubliche Potenzial in ihm steckt. Wir gingen gemeinsam auf die Reise, ich zeigte ihm die Welt wie sie sein kann und brachte ihm bei, wie er sich darin wieder zurechtfindet. Wir entwickelten Strategien, die ihm dabei halfen, mit den verschiedensten Stressauslösern umzugehen. Es wurde viel mit Impulskontrolle gearbeitet, er bekam eine Aufgabe, musste Leistungen vollbringen und wurde dafür dann ausreichend belohnt. Wir verbesserten seinen Grundgehorsam und ich rief ihm wieder in Erinnerung was er schon längst vergessen geglaubt hatte. Sein allgemeines Bild vom "schwierigsten" Hund im Tierheim wandelte sich und auch die Pfleger und Mitarbeiter waren begeistert und überrascht von unserem Erfolg. Aber es gab auch Durststrecken, Momente des "Wir kommen nicht voran!" und Rückschläge. Wir haben trotz allem nicht aufgegeben und der Augenblick des täglichen Wiedersehens, hat mich immer wieder wissen lassen, dass wir auf dem richtigen Weg sind und ich ihn eines Tages mit nachhause nehmen werde.

Da war er nun, der Moment der Zusammenführung. Beide Hunde durften sich ihm Vorfeld schon bei von mir organisierten und geplanten Spaziergängen beschnuppern und langsam annähern. Es wurden alle sicherheitsrelevanten Vorkehrungen getroffen, da niemand zu Schaden kommen durfte, weder Mensch noch Hund. Abgesehen davon wäre es fatal, wenn gerade bei der ersten Kontaktaufnahme ein bleibender Schaden entstünde, denn dann wären wir wohl an den "Start" zurückgeworfen worden. Überraschenderweise verlief der erste Kontakt äußerst gut, obwohl ich dachte, dass die "Unverträglichkeit" alle Hundekumpel betrifft, doch in Anuba hatte er seine große Liebe gefunden. Vom ersten Augenblick an, war sie die einzige Hundedame die er duldete, nach der er sich orientierte und die ihm das Gefühl gegeben hat, wie schön eine innerartliche Kommunikation, begleitet von abenteuerlichen Unternehmungen mit einem Kumpan, sein kann. Sie war aber auch von Anfang an die "Chefin" der beiden, zeigte ihm klar und deutlich wie weit er gehen darf und wo seine Grenzen liegen. Sie behandelte ihn aber immer höflich und respektvoll.

Er war anfangs jedoch "nur" geduldet. Von der Idee die gemeinsame Zeit von nun an zu dritt zu verbringen, war sie nicht sehr begeistert. Musste sie doch bis jetzt ihr Frauchen mit niemandem teilen und außerdem, wer braucht schon einen zweiten Artgenossen, wenn das Leben mit dem Menschen ja ohnehin so lässig ist. Ihr fehlte es ja an nichts! Streicheleinheiten wann immer es gewünscht war, bindungsförderndes Kuscheln, wilde Spiele, ausgedehnte Spaziergänge, ausreichend Futter und Wasser, Leckerlis in Hülle und Fülle. Warum also all diese Dinge in Zukunft teilen, nur damit endlich jemand da ist, der ihre Sprache spricht? Muss das wirklich sein? Nein, muss es nicht! Ich rate es auch niemanden, sich einen zweiten Hund ins Haus zu holen, wenn Sie sich nicht sicher sind, wie ihr erster Hund darauf reagiert. Dies erwartet viel Fingerspitzengefühl und setzt einiges an Managementmaßnahmen voraus. Es war die Zeit die für uns gearbeitet hat, anfangs noch recht widerwillig beim Anblick ihres neuen Freundes, steigerten sich die Augenblicke der Vorfreude und eines Tages war auch Spyke ein fixer Bestandteil in ihrem Leben. Die gemeinsamen Spaziergänge wurden ritualisiert und es wurde zur Gewohnheit, dass ab sofort ein zweiter Hund unser Alltagsgeschehen beeinflusst. Sie hat es dann also doch irgendwann eingesehen, dass ich es für die einzig richtige Art und Weise halte, wie Hunde leben sollten. Im Rudel, Seite an Seite mit einem zweiten 4Beiner. Nur so ist eine artgerechte Hundehaltung gewährleistet. Zumindest in den meisten Fällen. Für mich war die Vorstellung, mein Leben mit zwei Hunden zu teilen, einfach wundervoll. Auch wenn die Tatsache eines Zweithundes doch ein klein wenig mehr an Arbeit und Management voraussetzt, ist das "Herumgewusel" von zwei Hunden bei meiner Ankunft oder Rückkehr in mein Heim ein unvergleichliches Gefühl.

Wir waren also soweit, Spyke zieht ein! Von Oktober 2008 bis April 2009 haben wir tagtäglich an all den neuen Herausforderungen gearbeitet, Hochs und Tiefs erlebt, Schweiß und Tränen vergossen (wollte ich ihn doch schon zu Weihnachten bei "mir" haben, der Plan ging jedoch nicht auf). Wir haben uns aber nicht entmutigen lassen und weiter hart an der Wiedereingliederung gearbeitet. Nun war er soweit und wir waren es auch. Alle Vorkehrungen für seinen neuen Platz in meiner Familie wurden getroffen und mit vereinten Kräften haben wir alle Hebel in Bewegung gesetzt, um für auftretende "Problemchen" gewappnet zu sein. Dieser Plan ging auf! Meine Hunde waren zwar nicht von Anfang an ein Herz und eine Seele aber nach mittlerweile mehr als einem Jahr (mit fortwährendem Training, der Einführung von klaren Regeln und Ritualen) haben wir es geschafft. Spyke wurde ein fixer Bestandteil unserer sozial gemischten Gruppe, ist ein in sich ruhender und ausgeglichener Hund, hat Freude am Leben und die Bindung zu mir und seiner Hundedame ist grenzenlos. Das Rudel harmoniert. Er hat seinen Platz in der Gesellschaft wiedererlangt und abgesehen von ein paar kleinen "Unarten" ist er zu einem vorbildlichen Ex-Tierheimhund geworden. Ich habe an diesen Hund geglaubt und mit viel Liebe und Verständnis haben wir erreicht, dass auch ein von den Menschen verstoßener American Staffordshire Terrier sein Hundeleben wieder in vollen Zügen genießen darf.

Hoffentlich konnte ich mit dieser Aktion ein Zeichen setzen. Wichtig ist, dass wir uns die Mühe machen, "auffällige" Hunde nicht nur oberflächlich zu betrachten. Alles im Leben hat einen Sinn und für alles gibt es einen Grund. Hunde sind nicht von Geburt an "verstört" oder "schwierig", vielmehr sind sie wie ein Rohdiamant, den wir Menschen von Anfang an behutsam vorbereiten müssen auf ein Leben, das in ihren Augen nicht hundetypisch ist. Wir sind es, die ihnen den Weg zeigen den sie gehen müssen, um in unserem Leben zu bestehen. Hunde sind nicht perfekt, Menschen genauso wenig.

Schaffen Sie ein Fundament aus Sicherheit und Vertrauen, denn diese sind die Grundpfeiler einer guten und soliden Hund-Mensch-Freundschaft. Ich könnte mir keine besseren Kumpels an meiner Seite vorstellen, als meine Hunde. Helfen auch Sie, ihrem besten Freund eine Vorbildfunktion zu sein. Hunde orientieren sich an uns. Geben Sie nicht auf und glauben Sie an sich und Ihren Hund. Ergreifen Sie die Chance und verhelfen auch Sie Ihrem Hund zu einem besseren Leben in unserer Gesellschaft. Er wird es Ihnen mit lebenslanger Treue und bedingungsloser Liebe danken. Obwohl unsere Hunde manchmal echte "Quälgeister" sein können, aber einmal auf "den Hund gekommen", möchte man dieses einzigartige Gefühl von Freundschaft nie wieder missen.

Ein besonderer Dank geht an dieser Stelle an die Mitarbeiter des Wiener Tierschutzhauses, die uns eine reibungslose Zusammenarbeit stets ermöglicht haben. Eine Pflegerin möchte ich besonders hervorheben. Gitti war über einen längeren Zeitraum hin Spyke´s einzige Ansprechperson. Sie gewährte mir laufend Zugang, um mit Spyke Tag und Nacht arbeiten und ihn resozialisieren zu können. Sie half bei diversen Übungen tatkräftig mit und scheute keine noch so schwierige Herausforderung. Sie sprach mir Mut zu und gab mir das Gefühl am richtigen Weg zu sein. Sie war der Überzeugung, dass nur ich es schaffen würde, Spyke ein schöneres und besseres Leben zu bieten und glaubte an unseren Erfolg. Danke für die Unterstützung und Kraft in gerade dieser, von mir alles an Energie abverlangenden Zeit.